Zerlegt angeliefert, schlecht dokumentiert
Dieser Volvo P1800S von 1965 kam aus Essen zu uns. Nicht als fahrbereites Coupé, nicht als vollständiges Restaurationsobjekt, sondern komplett zerlegt und mit Spuren früherer Restaurationsversuche. Genau solche Projekte verlangen am Anfang mehr Ordnung als Werkzeug. Eine Kiste mit verschiedensten Schrauben, Haltern und Kleinteilen ist kein Nachweis sorgfältiger Vorarbeit. Sie ist meistens das Gegenteil: ein Hinweis darauf, dass beim Zerlegen keine saubere Dokumentation angelegt wurde.
In den Werkstätten in Tschechien werden Verbindungs- und Befestigungselemente deshalb fotografiert, verpackt und beschriftet. Das klingt unspektakulär, entscheidet aber später über Stunden. Wer bei der Endmontage erst herausfinden muss, welche Schraube zu welchem Halter gehört, verliert Zeit und riskiert falsche Befestigungen an Stellen, die man nach dem Einbau kaum noch erreicht.
P1800S mit B18-Motor und schwedischer Fertigung
Der Volvo P1800 wurde ab 1961 gebaut, der P1800S folgte mit Produktion in Schweden. Das „S“ steht nicht für Sport, sondern für die schwedische Fertigung. Der Wagen wurde von Pelle Petterson gezeichnet, der damals im Umfeld von Frua arbeitete. Gerade die frühen P1800S verbinden eine eigenständige Karosserieform mit robuster Volvo-Technik, und genau daraus entsteht heute ihr Reiz.
Dieses Fahrzeug besitzt den B18-Vierzylindermotor mit 1,8 Liter Hubraum und ein Schaltgetriebe mit Overdrive. Der B18 gilt als belastbarer Motor, aber nach Jahrzehnten und früheren Eingriffen zählt kein Ruf, sondern nur der Befund. Motor, Getriebe, Overdrive, Vergaser, Kühlung, Bremsanlage und Elektrik werden im Rahmen der Komplettrestauration geprüft und überarbeitet. Ein Overdrive, der elektrisch nicht sauber angesteuert wird oder mechanisch verschlissen ist, macht aus einem grundsätzlich soliden Antrieb schnell eine Sucharbeit.
Verbaute Karosserie und alte Reparaturen
Die Karosserie war in besonders schlechtem und verbasteltem Zustand. Beim P1800S sind Schweller, Bodenbleche, Radläufe, Kotflügelanschlüsse, Frontmaske, Scheibenrahmen, Türunterkanten und Kofferraumboden typische Prüfbereiche. Bei einem bereits zerlegten Fahrzeug kommt ein weiteres Problem dazu: Man sieht nicht mehr, wie Türen, Hauben und Zierleisten vor der Demontage saßen. Spaltmaße, alte Unfallschäden und verzogene Partien müssen dann mühsam neu gelesen werden.
Alte Reparaturen erkennt man oft nicht am ersten Blick, sondern beim Freilegen. Unter Spachtel und Unterbodenschutz erscheinen überlappende Bleche, grobe Schweißpunkte oder Halter, die irgendwann passend gemacht wurden, aber nie wirklich richtig saßen. Wenn ein Schweller beim Anschleifen unterschiedliche Schichten zeigt, ist das kein Schönheitsfehler. Dann muss geöffnet werden.
Komplettrestauration mit neuer Innenausstattung
Die Restauration dieses Volvo P1800S umfasst Karosserie, Motor, Getriebe, Technik und Innenausstattung. Die Innenausstattung wird komplett neu gemacht. Gerade beim P1800S ist das mehr als Sitze und Teppich: Türverkleidungen, Armaturenbrett, Beschläge, Dichtungen, Leisten und Schalter müssen zusammenpassen, sonst wirkt ein frisch lackiertes Auto am Ende trotzdem unfertig.
Wirtschaftlich ist ein P1800S heute grundsätzlich restaurationswürdig, wenn die Basis nachvollziehbar ist. Bei diesem Fahrzeug erschweren der zerlegte Zustand und die früheren Eingriffe die Kalkulation deutlich. Der Vorteil liegt in der robusten Technik und der gewachsenen Nachfrage nach frühen Volvo-Coupés. Der Nachteil steckt in der Karosseriearbeit und in jedem fehlenden Kleinteil.
Dieses Projekt läuft noch. Der wichtigste Teil ist deshalb nicht der sichtbare Fortschritt, sondern die Reihenfolge: dokumentieren, sortieren, Karosserie richten, Technik prüfen, Innenraum neu aufbauen und erst dann montieren. Bei einem zerlegten P1800S entscheidet nicht der erste Glanz, sondern die Ordnung unter dem Lack.